Genügt analoges Lernen? Kann digitales Lernen an- oder bereichern?

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Digital Thinking ist ein Begriff, der uns begleiten wird.

Wir stehen am Rande einer technischen Revolution, die unsere Art zu leben, zu arbeiten und miteinander umzugehen grundlegend verändern wird. Dies erfolgt in einem Ausmaß, einer Reichweite und einer Komplexität, die wir in dieser Transformationsgeschwindigkeit noch nie erlebt und erfahren haben. Das macht Angst, bringt Unsicherheit, aber auch neue Blickwinkel. Welche Befürchtungen hatten die ersten Menschen, die schneller als auf dem Pferd unterwegs waren? Alles wiederholt sich, aber wir wissen noch nicht, wie es sich genau entfalten wird. Eines zeichnet sich klar ab: Die Antwort darauf ist allumfassend, bindet das globale Gemeinwesen ein, macht nicht Halt vor dem öffentlichen, dem privaten Bereich, auch nicht vor der akademischen Welt. Wir sind alle Betroffene und Eingebundene.

Die wirkliche Diskussion ist fruchtbarer entlang der Frage „Wie wollen wir damit umgehen?“ anstatt zu fragen „Wollen wir die Digitalisierung oder nicht?“ Diese Alternative haben schon die Maschinenstürmer bei Einführung der Webstühle versucht und sind gescheitert. Wir leben bereits in einer digitalen Welt.

Drei entscheidende Begründungen, warum wir von einer digitalen Transformation sprechen:

  • Schnelligkeit: Die Schnelligkeit, mit der derzeit Durchbrüche erzielt werden, wurde noch nie erreicht, die Veränderungen erfolgten exponentiell und nicht in linearem Tempo.
  • Reichweite: Die Reichweite umfasst fast jeden Arbeits- und Lebensbereich auf der Welt.
  • Die systemische Wirkung zeigt sich an der Tiefe dieser Veränderungen in Gesellschaft, Demokratie, Information, Alltagswelt, Wirtschaft, Bildung, Freizeit, Familie, Kommunikation, Medien u. a. m.

Digitale Medien sollen uns nicht nur verführen, schneller, besser, angepasster zu werden, nein, sie sollen uns befähigen, ein gutes und sinnerfülltes Leben zu führen, weltoffen zu sein, mit Unterschieden, mit Differenzen und mit Widersprüchen gut in einer demokratischen, friedlichen und gewaltfreien Weise umgehen zu können.

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Schule und Bildung haben einen wichtigen Beitrag zu leisten.

Ich will nicht in die Falle tappen, analoges und digitales Lernen als zwei Gegenpole darzustellen. Aus dem Projekt „Connected Kids“ (jetzt im 4. Jahr, 27 Schulen pro Schuljahr) sehe ich, dass digitales Lernen PC, Laptop, Tablet und Smartphone in den Lernprozess integriert.

Viele Studien beweisen immer wieder, dass nicht die Tafel (egal ob schwarz, grün oder weiß) die PädagogIn ist, auch nicht das Buch, das Heft, die Mappe, das Lexikon o. Ä. Entscheidend für gelingenden Unterricht ist immer die PädagogIn. Die PädagogIn ist nicht ersetzbar – auch wenn manche AutorInnen bzw. BlogschreiberInnen gebetsmühlenartig das Verschwinden dieser Schlüsselperson als Bedrohungsszenario anführen.

Jedes digitale Gerät übt auf Benutzer (SchülerInnen, aber wahrscheinlich auch auf Sie) einen Anziehungseffekt aus. Dieser liegt in der prompten Verfügbarkeit, im attraktiven Design, in der Türöffnerfunktion zum weltweiten Wissen, zum eigenen Image u. a. In jeder Schulklasse erlebe ich nach kurzer Zeit, dass das Tablet als „Werkzeug“ gesehen wir, das seine Funktion dann erfüllt, wenn es dem Fortgang der Unterrichtstunde dient.

So skizziere ich, wie Unterricht mit digitalen Geräten gestaltet werden kann:

„Was will ich am Ende der Stunde erreichen?“

Das 1. Gebot ist die inhaltliche Vorbereitung der Unterrichtsstunde. „Was will ich am Ende der Stunde, am Ende des Tages mit den SchülerInnen erreichen?“ – ein klares, nachvollziehbares (überprüfbares) Ziel.

„Wie komme ich zu diesem Ziel?“

Das 2. Gebot gibt Antwort auf die Frage „Wie komme ich zu diesem Ziel?“. Ist dazu Papier, Bleistift Buch und Lexikon notwendig? Brauche ich die Tafel, die Bauklötze, die Blume oder ein anderes Anschauungsmittel? Eignet sich das digitale Medium besser, weil ich z. B. alles über den Bezirk recherchieren oder etwas in 3D besser veranschaulichen kann? Die Entscheidung liegt bei der PädagogIn, was eingesetzt wird.

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„Wie gehe ich mit SchülerInnen um, wenn ich weiß, dass jede SchülerIn „anders“ ist?“

Das 3. Gebot ist – wenn Gebot 1 und 2 pädagogisch gut vorbereitet sind – die pädagogisch wirksame und wertorientierte Umsetzung in der Klasse. Dabei erkennt man, dass die Rolle der PädagogInnen sich von einem (oft primären) Wissensvermittler zu einem Wissensverteiler, Wissensbegleiter, Wissenslenker verändert. Lernprozesse zu optimieren setzt ein hohes Maß an Individualisierung voraus. Digitale Medien sind dabei angenehme und spontane „Helfer“, da sie viel zusätzliches Übungsmaterial anbieten, das auf das Leistungspotential der SchülerInnen abgestimmt werden kann. Eine interessante Erfahrung, die oft PädagogInnen gar nicht merken (denn sie lösen die Aufgaben ja nicht), ist die neutrale, emotionslose Rückmeldung der digitalen Geräte „gut gemacht oder probiere es nochmals“. Nie wird eine SchülerIn vor der Klasse beschämt. Aus dem Projektverlauf bei „Connected Kids“ erkenne ich, dass SchülerInnen nicht aufgeben, vielmehr daran Interesse haben, die gestellten Aufgaben zu lösen.

Pro und Contra teilen nicht nur Meinungen

In der Diskussion um digitale Medien gibt es zu jedem Proargument auch ein Gegenargument. Befürworter und Gegner halten sich auf Distanz und folgen in der Argumentation schon bekannten Themenkreisen wie z. B.:

  • Comic-Hefte lassen die Korrektheit der deutschen Sprache verschwinden,
  • Fernsehen verblödet, wenn man die ganze Zeit davorsitzt,
  • mit digitalen Medien wird nur copy & paste geübt, ohne Verständnis für den Inhalt zu haben.

Alles Neue hat Begeisterung und Ablehnung als zwei Seiten an sich. Alles Argumente, die tatsächlich stimmen können, wenn unkontrolliert oder ohne richtiges Augenmaß digitale Medien konsumiert werden. Nur dann verliert das soziale Miteinander, das Gespräch, die Freude an Bewegung und Natur, kommt es zur Vereinsamung vor dem Bildschirm oder zur Flucht in eine virtuelle Realität.

Ich habe den Begriff „Gebot“ mit Absicht gewählt, denn daran knüpft sich meine Hoffnung, aber auch meine Erfahrung aus vielen Schulbesuchen, digitale Medien dann zu verwenden, wenn methodisch-didaktische Überlegungen über den Lernprozess dafürsprechen.

Ignoriert man hingegen die digitale Welt, so stößt man dabei sehr rasch an Grenzen. SchülerInnen haben zu Hause digitale Geräte, haben nicht immer Eltern, die kompetent im Umgang damit sind, wissen nicht Bescheid über Fallen und Gefahren des Internets und landen genau dort, wovor sich Eltern und PädagogInnen immer fürchten.

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Mein Weg, den ich gerne beschreite:

  • Bringe PädagogInnen und Eltern in Kontakt mit digitalen Geräten. Zeige ihnen, was sie können und wo die Grenzen liegen.
  • Kläre, dass digitale Medien mit Technik nichts zu tun haben, dass sie Werkzeuge sind, die manches besser als wir Menschen können (z. B. rasch große Rechenoperationen durchführen).
  • Beachten Sie, dass auch Kinder nicht mit digitalen Kompetenzen auf die Welt kommen und den richtigen Umgang nicht mit der Muttermilch erwerben. Sie müssen – wie wir alle – Bedienung und Einsatz erlernen und den Vorteil für ihr Tun abschätzen können.
  • Denken Sie daran, wie kosten- und zeitaufwändig Fotos und Videos, Bucherstellung und Recherchen waren. Heute kann mit dem Smartphone jede Person Medien produzieren und veröffentlichen. Eine großartige Chance, der eigenen Kreativität zum Durchbruch zu verhelfen.
  • Wir tragen aber auch Verantwortung dafür, was wir produzieren und weitergeben, wissend, dass dies Konsequenzen nach sich ziehen kann.

„Die Zukunft heißt digitales Lernen.
Es ist die wichtigste Innovation in der Bildung
seit der Erfindung des Buchdrucks.“
Rafael Reif (Präsident des Massachusetts Institute of Technology)

Die Conclusio, die Sie vielleicht enttäuscht?

Dazu brauche ich in Wirklichkeit keine digitalen Medien als Lehrgegenstand. Das soziale Miteinander, das Lernen in der Vielfalt, das Umgehen

  • mit den Differenzen,
  • mit dem Respekt vor dem Anderen,
  • mit Neugier und
  • mit Offenheit schreibt die analoge in die digitale Welt fort.

Es liegt an uns, wofür wir uns entscheiden.

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